Das Weihnachtsfest rückt näher – und mit ihm die symbolische Feier der Geburt Jesu. Doch stellt sich sofort die Frage: War der 25. Dezember tatsächlich sein Geburtstag? Und falls nicht: Wie könnte dann das Horoskop Jesu ausgesehen haben?
Für uns Astrologen und Astrologinnen ist der Gedanke an diese einzigartige Geburt eng mit der Suche nach dem „richtigen“ Horoskop verbunden. Viele von Ihnen werden vermutlich spontan davon ausgehen, dass sich das Horoskop auf die Nacht vom 24. auf den 25. Dezember des Jahres 1 v. Chr. bezieht – oder vielleicht auch, wie in der orthodoxen Tradition, auf die Nacht des 6. Januar. Schließlich erzählen die Evangelien von den „Weisen aus dem Morgenland“, die oft als astrologisch gebildete Magier interpretiert werden, welche dem Stern zum neugeborenen Jesuskind folgten.
Doch historisch gesehen stehen wir vor einem Problem: Es existieren keinerlei gesicherte Angaben zum tatsächlichen Geburtsdatum Jesu. Die frühen Christinnen und Christen interessierten sich sehr viel stärker für den Zeitpunkt seines Todes als für den seiner Geburt. Spätere Überlieferungen, Kalenderreformen und verschiedene Zeitrechnungen machen eine exakte Rekonstruktion zusätzlich schwierig. Zahlreiche Historiker gehen deshalb davon aus, dass Jesus eher im September oder Oktober – und etwa zwei Jahre vor unserer Zeitrechnung – geboren wurde. Auch der Geburtsort ist umstritten: Fachleute favorisieren Nazareth, also den Wohnort seiner Eltern, während Bethlehem oft als theologisch motivierte Ortszuweisung betrachtet wird, die sich auf messianische Prophezeiungen stützt.
Die christlichen Kirchen halten sich naturgemäß an die biblische Überlieferung. Astrologen und Astrologinnen hingegen kombinieren historische Hinweise mit astrologischen Kriterien. Und die persönliche Grundhaltung entscheidet oft darüber, ob man sich stärker an theologischen Datierungen, historischen Analysen oder astrologisch markanten Himmelsereignissen orientiert.
So ergeben sich drei große Gruppen von Deutungsansätzen:
1. Die Orientierung an den christlichen Festtagen: 25. Dezember oder 6. Januar Ein klassischer Vertreter dieser Richtung ist Reverend John Butler, anglikanischer Geistlicher, der bereits 1669 ein detailliertes Jesus-Horoskop erstellte. In vier Schritten wollte er Geburtsjahr, -monat, -tag, -stunde und sogar -minute beweisen – letztere mithilfe von Direktionen. Er entschied sich letztlich für den 25. Dezember 1 v. Chr., 0:00 Uhr in Nazareth.
Der Astrologe Andreas Bunkahle wiederum plädiert für den 6. Januar 1 v. Chr. und einen mittleren Fische-Aszendenten. Seine Wahl stützt sich zum einen auf die traditionelle Bedeutung des 6. Januar, zum anderen auf die Jupiter/Saturn-Konstellation in den Fischen, die für ihn ebenfalls ein entscheidendes Argument darstellt.
2. Der Fokus auf außergewöhnliche Himmelsereignisse: der Stern von Bethlehem Besonders beliebt ist die astrologische Annäherung über das Phänomen des „Sterns von Bethlehem“, dem die Magier laut Überlieferung gefolgt sein sollen. In der Kunst wird dieser oft als Komet dargestellt – ob zu Recht oder nicht, ist unklar. Viele Astrologen und Astrologinnen gehen jedoch davon aus, dass eine astronomisch markante Erscheinung den Anlass für die Reise der Magier geliefert haben könnte.
Hierfür wurde lange die Jupiter/Saturn-Konjunktion im Jahr 7 v. Chr. herangezogen. Auch wenn die beiden Planeten sich nie so stark annäherten, dass sie wie ein einziger Stern erschienen wären, wurde ihre Konjunktion im Zeichen Fische als Hinweis auf eine Zeitenwende und einen spirituellen Neubeginn betrachtet. In der jüdischen Astrologie des Mittelalters galt eben diese Konstellation als Zeichen für die Geburt des Messias.
Auf dieser Grundlage berechnete der Astrologe Siegfried Schmid das Geburtsdatum Jesu auf den 29. Mai 7 v. Chr., 9:15 Uhr in Nazareth.
3. Die Orientierung an biblischen Texten: Venus und Jupiter als Schlüssel Der Astrologe Dieter Koch widerspricht der Deutung zur Jupiter/Saturn-Konjunktion. Seine Argumentation lautet: Weder Träume noch Prophezeiungen setzen zwingend ein spektakuläres Himmelsereignis voraus – und eine sichtbare Erscheinung dieser Art habe es nachweislich nicht gegeben.
Er analysierte daher den Matthäus-Text Wort für Wort und kam zu dem Schluss, dass der „Stern“ eher als Konjunktion von Venus (Morgenstern) und Jupiter zu verstehen sei. Mithilfe der Offenbarung des Johannes rekonstruiert er das wahrscheinliche Datum: 1. September 2 v. Chr.
Die Uhrzeit ergab sich aus der Tatsache, dass die Venus „an diesem Morgen erstmals sichtbar wurde“ – was für 4:30 Uhr spreche. Auffällig ist, dass dieses Datum sehr gut mit historischen Rekonstruktionen übereinstimmt.
Astrologische Arbeit mit unterschiedlichen Horoskopen – ein vertrautes Prinzip
Astrologisch gesehen ist die Arbeit mit mehreren möglichen Horoskopen gar nicht so ungewöhnlich. Auch in der Prognose oder Partnerschaftsastrologie wenden wir verschiedene Methoden an – wie etwa das Combin und die Synastrie –, die zu ganz unterschiedlichen Deutungsergebnissen führen und doch jeweils wertvolle Einsichten bieten.
Im Fall des Jesus-Horoskops kommt lediglich erschwerend hinzu, dass nicht einmal das Geburtsdatum eindeutig feststeht. Doch auch hier gilt: Jeder von uns hat einen eigenen Zugang zur Figur Jesu. Warum also nicht das Horoskop wählen, das sich innerlich stimmig anfühlt?
Horoskope sind immer auch emotionale Bilder. Wer die verschiedenen Ansätze zur Berechnung des Jesus-Horoskops betrachtet, mag darin nicht nur historische oder astrologische Überlegungen sehen, sondern auch einen Spiegel des eigenen spirituellen Bezugs.
