2017 18 April

Weder Fisch noch Fleisch? Kritische Grade im Horoskop, Teil 4/4.

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In drei weiteren Deutungsvarianten betrachtet: Klassisch, Hubersch' und Astro*Carto*Graphisch

Im ersten Teil dieser Serie machten wir uns bewusst, dass die Geburt einen Prozess darstellt, der nicht minutengenau festgelegt werden kann, obwohl wir paradoxerweise gerne mit einer „exakten“ Uhrzeit der Geburt arbeiten. Im zweiten Teil wurde die Persönlichkeit der Mutter mit einbezogen, um uns einer möglichen Definition des Geburtszeitpunktes anzunähern. Im dritten Teil haben wir einen AC auf 29°07‘ im Krebs astro-psychologisch gedeutet.

Zum Abschluss dieser Serie machen wir einen Exkurs in drei andere astrologische Richtungen, die sich mit der Position von kritischen Graden befassen. Dazu haben wir drei Systeme ausgewählt, die sich stark voneinander unterscheiden: Die herkömmliche klassische Astrologie, die Huber-Schule und die Astrokartografie nach Erin Sullivan.

Die klassische Astrologie.

Schauen wir uns hierzu einmal diese Tafel an:

Tierkreiszeichen

Geschlecht

Dynamik

Element

Urelemente

Widder

männlich

aktiv

Feuer

warm und trocken

Stier

weiblich

passiv

Erde

kalt und trocken

Zwillinge

männlich

aktiv

Luft

warm und feucht

Krebs

weiblich

passiv

Wasser

kalt und feucht

Löwe

männlich

aktiv

Feuer

warm und trocken

Jungfrau

weiblich

passiv

Erde

kalt und trocken

Waage

männlich

aktiv

Luft

warm und feucht

Skorpion

weiblich

passiv

Wasser

kalt und feucht

Schütze

männlich

aktiv

Feuer

warm und trocken

Steinbock

weiblich

passiv

Erde

kalt und trocken

Wassermann

männlich

aktiv

Luft

warm und feucht

Fische

weiblich

passiv

Wasser

kalt und feucht

 

Wer die 12 kritischen Grade in den Tierkreiszeichen detailliert betrachten möchte, ist mit dieser Tabelle der klassischen Astrologie bestens bedient. Die psychologische Astrologie arbeitet zwar auch mit den Elementen und Qualitäten, aber nicht mit den Urelementen, hier in der Spalte rechts dargestellt, aus denen sich die Elementenlehre ableitet.

Kalt und warm weisen auf eine Dynamik hin, die polar zueinander steht. Die Analogie hat allerdings nicht im Geringsten mit emotionaler Kälte oder Wärme zu tun! Vielmehr geht es um BINDUNG oder SPALTUNG. Kalt wird dem Wasser und der Erde zugeordnet, warm dem Feuer und der Luft. Kalt bindet, warm spaltet. Wenn Wasser zu Eis wird, bindet es alles aneinander, was sich darin befindet: Felsen, Sand und Bodenpflanzen werden zu einem dicken Brocken im vereisten Wasser. Wenn Feuer in Gang kommt, sprüht es Funken und spaltet sich in tausend Teilchen wie ein Feuerwerk. Modern psychologisch ausgedrückt heißt dies: Mit der kalten Eigenschaft bindet man sich und schaut auf das Gemeinsame in zwischenmenschlichen Beziehungen. Das Warme wiederum verhilft dazu, sich zu individualisieren. Das Unterscheidende und Spaltende steht im Fokus der Aufmerksamkeit. Mit dem Kalten wird die Nacht assoziiert, alle Prozesse, die unbewusst ablaufen und im Schlaf verarbeitet werden. Die Assoziation mit dem Mond drängt sich da auf, der nachts das Tageslicht widerspiegelt. Mit dem Warmen ist auch der helle Tag gemeint und diejenigen Lebensbereiche, die mit dem Bewusstsein in Verbindung stehen. Die Sonne steht hier in Analogie dazu. So wie Sonne und Mond die zwei wichtigsten Gestirne im Horoskop darstellen, so sind auch die Urelemente kalt und warm ausschlaggebend für alle weiteren Betrachtungen der Tabelle oben.

Das Feuchte und das Trockene erlauben die Übergänge zwischen kalt und warm und stehen ebenfalls polar zueinander. Das Feuchte legt sich überallhin und löst die Konturen auf. Alles wird weicher, runder, glitzernder und rutschiger. Im Gegensatz hierzu schafft das Trockene eine harte Kruste, gesättigte Farben und Konturen, Formen und Stabilität. Daraus lässt sich ableiten: Das Feuchte sorgt für Kompromisse, das Trockene drückt eine konsequente Haltung aus. Beide gleichen einander aus.

Die Eigenschaften männlich und weiblich stellen eine weitere Polarität dar: Gemeint ist die aktive Befruchtung und das passiv Empfangende. Beide Eigenschaften sind für das Schöpferische unabdingbar. In einem modernen Ansatz könnte man diese Eigenschaften bspw. mit einer extrovertierten (männliche Eigenschaft) bzw. introvertierten Lebenshaltung (weibliche Eigenschaft) vergleichen.

Im Hinblick auf unsere Thematik des Überganges von 29° auf 1° fiel mir in der Tabelle etwas Erstaunliches auf:

Die Übergänge von Widder zu Stier, von Löwe zu Jungfrau und von Schütze zu Steinbock werden von dem Urelement trocken begleitet, denn sowohl die Feuerzeichen Widder, Löwe und Schütze als auch die drei Erdzeichen gehören der Urqualität trocken an. In allen anderen Kategorien der Tabelle erfolgt eine Wandlung. Nur das Trockene erscheint hier senkrecht zweimal, so als würde diese Eigenschaft Pate stehen, um den schwierigen Wandlungsprozess vom Feuer zur Erde zu unterstützen.

Ähnlich verhält es sich mit dem Urelement feucht, das die drei restlichen Paare bestimmt: von den Zwillingen zum Krebs, von der Waage zum Skorpion und vom Wassermann zu den Fischen. Auch hier verhilft die gemeinsame Kategorie „feucht“ beim nicht einfachen Übergang von Luft zu Wasser.

In beiden Fällen bilden das Trockene und das Feuchte, wie mir scheint, eine Art Brücke zu den fremden Energien.

Findet aber ein Übergang zwischen Fische-Widder, Stier-Zwilling etc. statt, also vom Wasser zu Feuer bzw. von der Erde zur Luft, dann ist keine einzige Gemeinsamkeit vorhanden! Auf diesen Unterschied weist uns die klassische Astrologie bei genauer Betrachtung dieser Tabelle hin. Ein solcher Übergang scheint also wesentlich herausfordernder zu sein! Hier wird der große Sprung verlangt, da gibt es keine Brücke. Der Sprung kann gelingen, es ist aber auch möglich, dass man vor dem Risiko, in den Abgrund zu stürzen, zurückschreckt.

Nehmen wir an, der Übergang findet vom Aktiven zum Passiven statt, wobei die Paarung mit dem Widder zum Stier ihren Anfang nimmt, so besteht die Lebensaufgabe darin, sich im Laufe des Lebens verstärkt auf eine rezeptive Lebensform einzustellen, das Erhaltene zur Blüte zu bringen und den Gemeinschaftssinn zu fördern.

Findet es hingegen vom Passiven zum Aktiven statt, wenn also die Paarung mit den Fischen zum Widder beginnt, so dürfte der Horoskopeigner spüren, dass es in einem bestimmten Lebensbereich darum gehen wird, sich stärker nach außen mitzuteilen. Man verlässt sozusagen seine gemütliche Schale, um in das „wahre“ Leben hinauszugehen. Schmerzliche Trennungen sind notwendig, um eigenständiger zu werden. Das Risiko, schutzlos zwischen zwei Welten stecken zu bleiben, kann nicht ausgeschlossen werden.


In beiden Fällen wird die jeweilige Tendenz dadurch präzisiert, dass die Tierkreiszeichen, Häuser, Herrscher und mögliche Planeten/Lichter, die sich darin befinden, unbedingt mitgedeutet werden müssen. Anders ausgedrückt: Wir können keine Aussage machen, ohne das Horoskop synthetisch zu deuten, und erst recht nicht, ohne ein Gespräch mit dem Betroffenen geführt zu haben.

Interessanterweise lenkt die Huber-Schule ihr Augenmerk just auf einen solchen speziellen Fall: von 29° Fische bis 1° Widder. Sie spricht bei dieser Stellung von einer kosmischen Spalte und einer Öffnung für transzendentale Erlebnisse. Die geballte Ladung der Widder-Energie kann als Überforderung erlebt werden. Die Huber-Schule spricht aber auch von Wandlung der Lebensmotivation durch Berührung mit geistigen Welten oder von Prozessen, die in Gang gesetzt werden. Der Strudel führt zu einer kraftvollen Hinwendung zum Leben.

Die Astro*Carto*Graphy nach Erin Sullivan stellt fest, dass ein Planet auf dem letzten Grad ein Reservoir an Erfahrungen darstellt, denn er ist immer der letzte, der Aspekte durch Transite erhält. Er kann als Schattenplanet fungieren, der sich seiner Potenziale nicht bewusst ist. „Dieser Planet kann zu einem verborgenen Anteil werden, der als Behälter für all das dient, was sich im Lauf eines monatlichen Mondtransits, eines jährlichen Sonnenumlaufs oder zweijährigen Marstransits ereignet hat.“ (1). Die Lösung besteht darin, die Furcht vor dem Unbekannten zu überwinden. Dann kann dieser Planet zum begabtesten des gesamten Horoskops werden.

Die Titelfrage „Weder Fisch noch Fleisch?“ lässt sich, wie wir sehen, nicht mit Ja oder Nein beantworten. Der Horoskopeigner kann in einem “Niemandsland“ gefangen bleiben, er kann aber auch gerade auf diesem Terrain die Kraft schöpfen, Neues zu erkunden, ohne das Alte komplett zu vernachlässigen. Die Gradzahlen (näher an 29° oder an 30° bzw. 1°) zeigen, wie viel von der ausgehenden Kraft beim Übergang noch notwendig ist. Die klassische Astrologie vermag detailgenau Impulse zu geben, wie dieser Prozess im besten Fall differenziert stattfinden kann. Die psychologische Astrologie, zu der auch die Huber-Schule und der Ansatz von Sullivans A*C*G gehören, schildert jeweils heilsame Wege dazu.

Weder Fisch noch Fleisch? Kritische Grade im Horoskop, Teil 1/4
Weder Fisch noch Fleisch? Kritische Grade im Horoskop, Teil 2/4
Weder Fisch noch Fleisch? Kritische Grade im Horoskop, Teil 3/4

 

(1), Erin Sullivan, Angewandte Astro*Carto*Graphy. Planetenlinien und Ortswechsel astrologisch gedeutet, Deutsche Ausgabe, Tübingen 2002, S. 87.

Gelesen 4105 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 20 April 2017 13:57
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Helen Fritsch

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