2012 04 Januar

Das neue Jahr beginnt ruhig. Nur für einen nicht: den Bundespräsidenten

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Ein Blick auf Deutschlands mächtigstes Boulevardblatt und ihren Astrologie-gläubigen Verleger

SpringerBild: „Axel Springerbronze“ von flamenc - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Axel_Springerbronze.jpg#mediaviewer/File:Axel_Springerbronze.jpg

Das Jahr begann ruhig, doch für Christian Wulff gab es nur eine kurze Atempause. Denn aktuell geht es im fröhlichen Zermalmen des Bundespräsidenten weiter. Wohl selten würde ein Politiker so genüsslich zerlegt und der Lächerlichkeit preisgegeben. Christian Wulff schweigt bisher und hat sich dazu durchgerungen, so heißt es heute, weiterzumachen. Heute Abend wird er dann doch reden – weil er muss, das Fernsehen strahlt ein Interview mit ihm aus. Der Würde des Amtes entspricht das ganze Verfahren zur Zeit nicht. Wulff hat seinen Teil dazu beigetragen. Er gibt ein sehr schwaches Bild ab dieser Tage, in denen Klarheit, Integrität und Konsequenz erwartet werden.

Die „Bild“ hat ihn schon lange fallen gelassen. Es ist gemeinhin schwer, einfach weiterzumachen, wenn der Meinungsführer des Massenboulevards sich gegen einen ausgesprochen hat. Und pikanterweise kamen nun genau jetzt Gesprächsdetails aus dem Telefonat Wulffs mit der Mailbox von Kai Dieckmann, dem „Bild“-Chefredakteur ans Tageslicht. Wulff ist damit erledigt und sucht zur Zeit wohl eine richtige Strategie des Umgangs mit dem größtmöglichen Vorwurf für ein Staatsoberhaupt, die Pressefreiheit einzuschränken.

„Bild“ ist mächtig und das nun schon seit fast 60 Jahren. Am 24. Juni 1952 erschein Europas meistverkaufte Tageszeitung zum ersten Mal: „Der Hamburger Verleger Axel Cäsar Springer (1912-1985) konzipiert nach dem Vorbild der englischen Yellow Press eine Zeitung mit leicht verdaulichen Themen für die Masse. Springer vergleicht die Blattphilosophie mit dem ,Geschmack einer Vanilleschnitte am frühen Morgen’, so die „Bild“ selbst dazu auf Ihrer Homepage.

Michael Jürgs, früherer Spiegel-Journalist hat eine eindrucksvolle Biografie über Axel Springer, diesen einflussreichsten deutschen Verleger geschrieben. Springer war lange Jahre von Wahnvorstellungen geplagt, die er erst nach vielen Jahren in den Griff bekam. Er fand Zuflucht im Christentum, bezeichnete in einem Interview gar einmal Jesus als den besten aller möglichen Chefredakteure für die „Bild“ und im Mystizismus. Was übrig blieb nach den Wahnschüben, war die Vorstellung, ein Erlöser zu sein. Er sah sich als Auserwählten und einen der wenigen Gerechten. „Deren von Gott gestellte Aufgabe ist es, die Welt vor dem Satan zu retten - was ja der simplen Philosophie vieler Blätter entspricht, die ihm gehören“, so Jürgs dazu 1995 im Spiegel. Er sah sich als politischen Christen und stritt zeitlebens gegen das Unrecht in der DDR - er wollte die Menschen hinterm Eisernen Vorhang wohl auch ganz einfach vom Kommunismus erlösen.

Springer war ein großer Freund der Astrologie und beschäftigte eine Astrologin, die ihn in allen zentralen Fragen beriet. Ina Hetzel hieß seine Haus-Astrologin. Jürgs beschreibt sie als „ungebildete, dicke alte Frau“ – eine nicht gerade sehr sympathische Beschreibung, doch Springer hat ihr vertraut. Ihre Voraussagen notierte er sich und trägt diese immer bei sich. Leider habe ich keine Geburtszeit von Axel Springer gefunden. Ein Blick auf sein genaues Geburtshoroskop wäre sicher interessant gewesen.

Gelesen 29784 mal Letzte Änderung am Dienstag, 10 März 2015 11:30
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Stefan Ringstorff

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