2017 24 Mai

Die vielen Gesichter der Astrologie, Teil 4/5

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Psychologische Astrologie versus klassische Astrologie

Gesichter der Astrologie

Die psychologische Astrologie unterscheidet sich von der klassischen Astrologie besonders durch den Ansatz, dass die Energie der Planeten als Anlage, als Potenzial gedeutet wird, und nicht mehr als festgelegte schicksalhafte Prägung. Ein Beispiel: Saturn wurde in der klassischen Astrologie vor allem als Übeltäter gedeutet, der Krankheit, Armut und Tod „brachte“.

Im Laufe der Jahrtausende wurden die Menschen unabhängiger. Wer im Mittelalter als Schustersohn geboren war, wurde Schuster. Und das so sicher wie das Amen in der Kirche! Diesem Schicksal konnte der Schustersohn nicht entgehen. Heute sind wir sehr viel individueller und freier in der Gestaltung unseres Lebens. Wir tragen aber auch mehr Verantwortung für unsere Entscheidungen. Gesellschaften entwickeln sich fortwährend weiter, und es ist daher folgerichtig, dies in den astrologischen Deutungen auch zu berücksichtigen. Es ist wichtig, dass sich die Astrologie immer wieder aktualisiert und zwischen Umständen differenziert, die sich im Laufe der Zeit ändern, und solchen, die gleich bleiben. Was haben wir mit den Menschen gemeinsam, die in der Antike lebten, also in Zeiten, in denen sich die Astrologie wesentlich konstituierte? Natürlich viel mehr, als man vielleicht spontan vermuten würde.

Vor allem sind unsere Empfindungen und Gefühle gleich geblieben: Trauer und Freude, Hoffnung und Verzweiflung, Liebe und Hass, Sicherheit und Angst, die Sehnsucht nach Glück, die Lust am Leben, die Furcht vor dem Tod und vieles mehr. Astrologische Symbole, die seelische Erfahrungen beschreiben, haben ihre Aussagekraft weitgehend erhalten. Konkrete Aussagen antiker Deutungen sollte man heute hingegen nur bildlich betrachten und nicht als reale Tatsache verstehen. Und genau das beherrscht die psychologische Astrologie in hervorragender Weise. Im Falle von Saturn, der oben angesprochen wurde, erklärt die psychologische Astrologie, er stehe nicht in erster Linie für Tod und Armut, sondern viel eher für das Restriktive bzw. das Prinzip der Konzentration. Positiv gesehen, besteht dadurch die Möglichkeit, seine Ziele mit minimalen Mitteln zu erreichen, wenn man bereit ist, sich mit dem Wesentlichen zu begnügen.

Das ist keine Verklärung. Natürlich gibt es hier auch einen negativen Pol. Man kann von Ängsten geplagt werden, sich klein fühlen, an sich zweifeln, zu hohe Anforderungen an sich selbst stellen oder sich vor dem Scheitern fürchten. Wenn der Berater feststellt, dass der Klient zu solchen Verhaltensweisen neigt, dann bietet die psychologisch-astrologische Beratung Lösungswege und Strategien, um das saturnische Potenzial auf positive Weise zu leben. Wobei man sich über den entscheidenden Punkt bewusst sein sollte: Ein Potenzial ist keine festgelegte Tatsache, sondern etwas Dynamisches, für das wir uns entscheiden und das wir leben – oder eben auch nicht. Die Beratung dient dazu, uns solche Anlagen bewusst zu machen und somit dem Klienten die Einsicht zu vermitteln, dass er eine Wahl hat.

Obwohl dieser Ansatz schon in den 1920er-Jahren von Thomas Ring propagiert wurde, scheint er immer noch nicht vollständig in den Köpfen vieler Astrologie-Interessierter angekommen zu sein. Die Folge: Ratlosigkeit und sorgenvolle Blicke angesichts eines gespannt aspektierten Saturns in einem Geburtshoroskops einerseits, oder andererseits die Versuchung, Saturn wieder zum Übeltäter zu machen. Dann muss er eben als Sündenbock herhalten: Man hat nun mal Saturn da und da stehen und kann eben nicht anders ...

Merkwürdigerweise scheint es unendlich schwer zu sein, sich überhaupt daran zu erinnern, dass Saturn auch gute Seiten haben könnte. Und das betrifft nicht nur Saturn. Selbst der milde Neptun hat einen schlechten Ruf, von Pluto ganz zu schweigen. Auch Planeten wie Venus und Jupiter, die in der klassischen Astrologie traditionell als kleine und große Wohltäter galten, werden oft einseitig betrachtet und ihre Fallen wie Bequemlichkeit und Eitelkeit (Venus) oder Hochmut und Übertreibung (Jupiter) schlichtweg ausgeblendet.

Das ist falsch verstandene Astrologie, denn sie zementiert das Problem und trägt nur dazu bei, dass der Fragende sich noch schlechter fühlt.

Die Kunst der Beratung fängt ja gerade dort an, wo man sich festgefahren hat und nicht weiter weiß. Genau hier wird der erfahrene Astrologe hellhörig und bietet maßgeschneiderte Lösungen an, indem er die unterschiedlichen Möglichkeiten in ihrer gesamten Bandbreite aufzeigt und deutet, also vor den Gefahren warnt und auf das eigentlich positive Potenzial der jeweiligen Konstellation hinweist. Das Ganze ist ebenso auf die Aspekte übertragbar: So werden Quadrate einseitig als Spannung und Trigone als Harmonie oder Talent gedeutet, was ja auch stimmt, aber nur die halbe Wahrheit ist. Denn im Quadrat stecken die größten Entwicklungschancen und im Trigon die Gefahr, das Talent aus Trägheit einfach nicht zu nutzen! 

Wie bereits erwähnt, ist die „psychologische Astrologie“ die zurzeit am häufigsten praktizierte Methode. Die Grundlagen dafür schuf Thomas Ring in den 1920er-Jahren, als er die klassische Astrologie u.a. dahingehend revidierte, dass er allen Planeten potenziell positive und zugleich negative Eigenschaften zusprach. Aus Saturn oder Mars, die zuvor ausschließlich als Übeltäter galten, wurden nun Prinzipien, die auch Gutes, ja Lebensnotwendiges wie Verantwortungsbewusstsein und Durchsetzungskraft zu bieten hatten.

Thomas Ring befreite die Astrologie außerdem vom Fatalismus, indem er deutlich machte, dass niemand festgelegt ist, sondern sich gemäß seinen Anlagen entwickeln kann. Dieser Ansatz wurde durch die Arbeit von Astrologen und Astrologinnen wie Liz Greene, Howard Sasportas, Stephen Arroyo, Karen Hamaker-Zondag u.a. in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts populär.

Viele Astrologen sind zugleich auch psychologisch oder psychotherapeutisch ausgebildet, und so färben die therapeutischen Gesprächstechniken immer mehr auf die astrologischen Beratungen ab oder können dabei als Bereicherung eingesetzt werden. Die lösungsorientierten Techniken scheinen sich dafür besonders gut zu eignen, aber auch das systemische Denken ergänzt die Astrologie sehr gut.

Diese Techniken gewinnen in der Beratung zunehmend an Bedeutung. Ebenso wesentlich und empfehlenswert ist es für beratende Astrologen, sich über Themen wie Sucht, Co-Abhängigkeit, Suizidalität, Depression, Borderline-Syndrom etc. zu informieren, da sie in der Beratung vorkommen können. Dann ist es gut zu wissen, wovon man spricht. Man sollte die eigenen Grenzen kennen (bspw. durch den bewussten Umgang mit Fragen wie: Woran erkennt man eine Psychose, und wie sinnvoll ist es, jemanden zu beraten, der davon betroffen ist?) und vielleicht auch praktische Hilfen wie Adressen von Beratungsstellen parat haben.

Dennoch ist es wichtig, eine astrologische Beratung von einer Therapie-Sitzung zu unterscheiden. In der Tat stellt eine astrologische Beratung keine Therapie dar. Das ist nicht das, was unsere Klienten erwarten. Wenn sie dies wollten, würden sie sich an entsprechende Fachleute wenden. Andererseits liefert die psychologische Astrologie dennoch tiefe Einblicke in die Seele eines Menschen und kann wirksam Probleme lösen. Nur darf man den Klienten nicht so behandeln, als befände er sich in einer therapeutischen Sitzung. Sein Auftrag ist eindeutig astrologischer Art – das dürfen wir nicht vergessen. Wir müssen also in unserer Rolle als Astrologe bleiben. Ein Balance-Akt, der nicht einfach ist: Sind wir zu sehr „Astrologe“, laufen wir Gefahr, uns in unseren Aussagen zu stark festzulegen, vielleicht sogar wie Wahrsager aufzutreten. Dann betreiben wir keine psychologische Astrologie mehr. Legen wir den Akzent zu sehr auf die Psychologie, übernehmen wir eine therapeutische Rolle, für die wir keinen Auftrag haben, und das kann übergriffig wirken.

Mehr erfahren über "Die Gesichter der Astrologie, Teil 1/5"
Mehr erfahren über "Die Gesichter der Astrologie, Teil 2/5"
Mehr erfahren über "Die Gesichter der Astrologie, Teil 3/5"

 

Gelesen 1236 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 24 Mai 2017 06:50
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Helen Fritsch

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